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Medikamentöse Schmerztherapie bei Krebs

Schmerzen können im Verlauf einer Krebserkrankung oder während der Behandlung auftreten. Viele Patienten sind jedoch unsicher, ob und in welchem Umfang sie Schmerzmittel einnehmen sollten. Manche wünschen sich eine möglichst starke Behandlung, damit die Schmerzen vollständig verschwinden. Andere haben Angst vor Nebenwirkungen, einer möglichen Abhängigkeit oder davor, sich durch die Medikamente benommen und nicht mehr wie sie selbst zu fühlen.

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Prof. Dr. med. Bernd Alt-Epping

Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie & Onkologie, Palliativmedizin, Notfallmedizin, Spezielle Schmerztherapie

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Karin Strube

Mitgründerin und geschäftsführende Gesellschafterin der Strube Stiftung

Inhaltsverzeichnis

  • Schmerzen treten bei Krebserkrankungen häufig auf und sollten offen angesprochen werden.
  • Viele Betroffene haben Angst vor Schmerzmitteln, etwa vor Abhängigkeit, Benommenheit oder starken Nebenwirkungen.
  • Zu den Nicht-Opioid-Schmerzmitteln gehören beispielsweise Paracetamol, Ibuprofen und Diclofenac.
  • Reichen diese Medikamente nicht aus, können schwächere oder stärkere Opioide eingesetzt werden.
  • Vor der Behandlung ist es wichtig, die Ursache und die Art der Schmerzen möglichst genau zu klären.
  • Entscheidend ist unter anderem, wo und wann die Schmerzen auftreten, ob sie dauerhaft oder wellenförmig sind und ob sie ausstrahlen.
  • Kribbeln oder Taubheitsgefühle können auf Nervenschmerzen hinweisen. Dann können zusätzliche Medikamente, sogenannte Co-Analgetika, notwendig sein.
  • Mit einer Schmerzskala von null bis zehn wird die persönliche Schmerzstärke erfasst. Null bedeutet keine Schmerzen, zehn den schlimmsten vorstellbaren Schmerz.
  • Die Bewertung ist immer individuell und wird nicht von außen infrage gestellt.
  • Die Schmerzskala hilft vor allem dabei, den Verlauf zu beobachten und zu prüfen, ob die Behandlung wirkt.
  • Bei Schmerzen an mehreren Körperstellen werden die Werte nicht addiert. Im Mittelpunkt steht meist der am stärksten belastende Schmerz.
  • Schmerzen bei Krebs sind häufig gut behandelbar. Neben Medikamenten können auch weitere nichtmedikamentöse, operative oder tumorspezifische Maßnahmen eingesetzt werden.

Nach der Erfahrung von Professor Alt-Epping, ärztlicher Direktor der Klinik für Palliativmedizin in Heidelberg, überwiegt im medizinischen Alltag die Sorge vor Schmerzmitteln. Dabei befinden sich Menschen mit einer Krebserkrankung in einer besonderen Belastungssituation. Wenn Schmerzen vorhanden sind, ist es deshalb grundsätzlich legitim, die Unterstützung durch Schmerzmedikamente in Anspruch zu nehmen. Ziel ist es, die Betroffenen möglichst gut durch die Erkrankung und die verschiedenen Behandlungen zu begleiten.

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Warum Schmerzmittel in verschiedene Gruppen eingeteilt werden

Schmerzlindernde Medikamente werden in verschiedene Gruppen eingeteilt. Diese Einteilung hilft Ärzten dabei, die Behandlung nachvollziehbar zu planen und das Vorgehen zu vereinheitlichen.

Nicht-Opioid-Schmerzmittel

Zu den häufig verwendeten Schmerzmitteln gehören beispielsweise:

  • Paracetamol
  • Ibuprofen
  • Diclofenac

Diese Wirkstoffe sind vielen Menschen aus dem Alltag oder aus der hausärztlichen Versorgung bekannt. Sie haben mit morphinartigen Medikamenten nichts zu tun und werden deshalb als Nicht-Opioid-Schmerzmittel bezeichnet.

In vielen Fällen bilden diese Medikamente den Einstieg in die Schmerzbehandlung. Wenn ihre Wirkung nicht ausreicht, können weitere Medikamente ergänzt werden.

Opioide

Bei stärkeren oder anhaltenden Schmerzen können morphinartige Schmerzmittel eingesetzt werden. Sie werden unter dem Oberbegriff Opioide zusammengefasst.

Die Bezeichnung geht auf das klassische Opium zurück, aus dem entsprechende Wirkstoffe früher gewonnen wurden. Heute gehören zu den Opioiden auch chemisch hergestellte beziehungsweise synthetische Substanzen, die ähnlich wie die aus Opium gewonnenen Wirkstoffe wirken.

Je nach Situation können zunächst schwächere und später auch stärkere Opioide eingesetzt werden. Nicht-Opioid-Schmerzmittel und Opioide wirken auf unterschiedliche Weise. Deshalb können verschiedene Wirkstoffe miteinander kombiniert werden, um die Schmerzen über mehrere Wirkmechanismen zu behandeln.

Vor der Behandlung muss die Ursache der Schmerzen geklärt werden

Bevor eine medikamentöse Schmerztherapie festgelegt wird, sollte möglichst genau geklärt werden, woher die Schmerzen kommen. Die Ursache und die Art des Schmerzes haben Einfluss darauf, welche Medikamente sinnvoll sind.

Ärzte stellen deshalb häufig viele unterschiedliche Fragen. Für Patienten kann dies zunächst ungewohnt oder sehr ausführlich wirken. Die Antworten helfen jedoch dabei, die Schmerzen genauer einzuordnen und eine passende Behandlung auszuwählen. Gefragt wird unter anderem: 

  • Wo treten die Schmerzen auf?
  • Wann treten sie auf?
  • Sind die Schmerzen ständig vorhanden oder kommen sie nur zeitweise?
  • Was verstärkt oder lindert die Schmerzen?
  • Strahlen die Schmerzen in andere Körperbereiche aus?
  • Sind die Schmerzen von der Bewegung abhängig? 
  • Treten zusätzlich Kribbeln oder Taubheitsgefühle auf?

Die Art des Schmerzes genau beschreiben

Zur Beschreibung von Schmerzen werden häufig Begriffe wie drückend, brennend oder pochend verwendet. Nicht jeder Mensch versteht unter diesen Begriffen genau dasselbe. Trotzdem können bestimmte Beschreibungen wichtige Hinweise auf die Art der Schmerzen geben.

Besonders wichtig ist beispielsweise, ob ein Schmerz dauerhaft vorhanden ist oder in Wellen auftritt. Wellenförmige, immer wieder stärker und schwächer werdende Schmerzen werden auch als kolikartig bezeichnet. Auch die folgenden Unterschiede können für die Behandlung bedeutsam sein:

  • Bleibt der Schmerz an einer bestimmten Stelle oder strahlt er aus? 
  • Besteht ein dauerhafter Grundschmerz?
  • Treten zusätzlich einzelne, besonders starke Schmerzspitzen auf? 
  • Wird der Schmerz durch bestimmte Bewegungen ausgelöst oder verstärkt?

Diese Informationen können beeinflussen, welche Medikamente ausgewählt und wie sie miteinander kombiniert werden.

Nervenschmerzen benötigen häufig zusätzliche Medikamente

Wenn Nerven betroffen sind, können sogenannte neuropathische Schmerzen entstehen. Hinweise darauf können beispielsweise Kribbeln, Taubheitsgefühle oder andere nervenartige Beschwerden sein.

Bei solchen Schmerzen reichen klassische Schmerzmittel möglicherweise nicht aus. Zusätzlich können sogenannte Co-Analgetika eingesetzt werden. Dabei handelt es sich um Medikamente, die die übliche Schmerztherapie ergänzen und gezielt auf die Nervenleitung oder die Nervenschmerzkomponente wirken können.

Die genaue Beschreibung der Beschwerden ist deshalb wichtig. Sie hilft dabei zu erkennen, ob neben den üblichen Schmerzmitteln weitere Medikamente notwendig sein könnten.

Wie die Schmerzskala angewendet wird

Zur Einschätzung der Schmerzstärke wird häufig eine Skala von null bis zehn verwendet:

  • Null bedeutet: keine Schmerzen.
  • Zehn bedeutet: der schlimmste vorstellbare Schmerz.

Die Zahl gibt das persönliche Empfinden der Patientin oder des Patienten wieder. Wenn ein Mensch seine Schmerzen beispielsweise mit einer Sieben bewertet, wird diese Angabe als persönliche Einschätzung akzeptiert. Außenstehende können nicht objektiv festlegen, wie stark ein anderer Mensch seine Schmerzen empfindet.

Die Schmerzskala ist zwar nur ein Hilfsmittel und hat auch methodische Nachteile. Dennoch bietet sie eine einfache Möglichkeit, die subjektiv empfundene Schmerzstärke zu erfassen.

Die Schmerzskala zeigt vor allem den Verlauf

Die Schmerzskala dient nicht nur dazu, die Schmerzen in einem einzelnen Moment einzuschätzen. Besonders hilfreich ist sie, um die Entwicklung über einen längeren Zeitraum zu beobachten.

Auf einer Palliativstation kann beispielsweise regelmäßig erfragt werden, wie stark die Schmerzen aktuell sind. Durch den Vergleich mit den Angaben vom Vortag lässt sich besser beurteilen:

  • Hat ein Medikament gewirkt?
  • War die Wirkung ausreichend?
  • Sind die Schmerzen schwächer geworden? 
  • Muss die Behandlung angepasst werden?

Dabei geht es nicht darum, die Schmerzen über Stunden oder Tage zusammenzurechnen. Entscheidend ist, wie stark der Schmerz zu dem jeweiligen Zeitpunkt empfunden wird und wie sich diese Einschätzung im Verlauf verändert.

Was bedeutet die Zahl auf der Schmerzskala?

Die Bewertung auf der Schmerzskala ist immer individuell. Zwei Menschen können vergleichbare Beschwerden unterschiedlich bewerten. Die Zahl kann daher nicht unabhängig von der jeweiligen Person beurteilt werden.

Trotzdem vermittelt die Angabe auch bei einem ersten Gespräch eine wichtige Orientierung. Wenn ein Patient die Schmerzstärke mit acht oder neun angibt, weist dies auf eine deutlich stärkere Belastung hin als eine Bewertung mit zwei oder drei.

Bei Menschen mit einer Krebserkrankung kann die Skala beispielsweise genutzt werden, um Rücken-, Bauch-, Dauer- oder bewegungsabhängige Schmerzen einzuschätzen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie belastend die Schmerzen sind und ob die begonnenen Maßnahmen ausreichend helfen.

Was geschieht bei Schmerzen an mehreren Körperstellen?

Manche Patienten haben nicht nur an einer, sondern an mehreren Körperstellen Schmerzen. Die einzelnen Bewertungen werden jedoch nicht miteinander addiert. Es entsteht also nicht aus drei Schmerzangaben von jeweils zehn eine Gesamtbewertung von dreißig.

Im Vordergrund steht in der Regel die Körperstelle, deren Schmerzen im Moment am stärksten belasten. Die Schmerzstärke an dieser Stelle kann dann im weiteren Verlauf immer wieder miteinander verglichen werden.

Dadurch lässt sich erkennen, ob die Behandlung Schritt für Schritt zu einer Verringerung der Belastung führt.

Schmerzen sollten offen angesprochen werden

Schmerzen kommen im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung häufig vor. Patienten sollten ihre Beschwerden deshalb offen ansprechen und möglichst genau beschreiben.

Für die Auswahl der Behandlung sind nicht nur die Schmerzstärke, sondern auch der Ort, der zeitliche Verlauf, mögliche Auslöser und begleitende Beschwerden wichtig. Je genauer diese Informationen sind, desto gezielter kann die Behandlung geplant werden.

Schmerzen gehören zu den Beschwerden im Rahmen einer Krebserkrankung, die vergleichsweise gut behandelt werden können. Dafür stehen unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung. Neben Medikamenten können auch nichtmedikamentöse, operative oder andere gezielte Maßnahmen sowie die Behandlung der Krebserkrankung selbst einbezogen werden.

Die medikamentöse Schmerztherapie ist somit ein wichtiger Bestandteil der Begleitung während einer Krebserkrankung. Niemand sollte aus Angst vor Schmerzmitteln darauf verzichten, vorhandene Schmerzen anzusprechen und sich über geeignete Behandlungsmöglichkeiten beraten zu lassen.